Theater-Rezension: "Im Zoni-Zoo"

Peter Waschinsky über Ulrich Radoys „AM KÜRZEREN ENDE DER SONNENALLEE“-Inszenierung von Thomas Brussig im KREATIVHAUS:

"Es ist unverständlich, daß die Genossen vom KREATIVHAUS eine solche durch und durch staatsfeindliche Veranstaltung genehmigen konnten. Der antifaschistische Schutzwall und die ganze sozialistische Menschengemeinschaft, vor allem der Genosse Abschnittsbevollmächtigte, wurden lächerlich gemacht und das Ganze auch noch mit westlich klingender Beatmusik in englischer Sprache begleitet. Es sind unverzüglich Maßnahmen... "

So wäre er wohl ausgefallen, der Bericht des entsetzten Pflichtbesuchers von der bekannten Geheimorganisation. Mehr...

Aber auch gewisse heutige Kritikmaßstäbe anzulegen wie „Die Charaktere sind psychologisch dünn, die DDR-Verhältnisse waren differenzierter und über die Mauer konnte man nicht in reale kleine Lebenswelten von Ostberlinern sehen, noch weniger mit ihnen sprechen“, hieße diesen Abend gründlich mißzuverstehen.

Regisseur Ullrich Radoy setzt seine DDR-Herkunft eben gerade nicht realistisch in Szene, was der film-bekannten Vorlage ja auch nicht entspräche, läßt die jungen Akteure gnadenlos Klischees ausspielen, die durch Überdrehtheit wieder als solche ironisierend verfremdet werden, was wiederum – merkwürdig – am Ende eben doch wieder eine Menge DDR spürbar werden läßt.
Das hat's alles so nicht gegeben, aber eben doch gegeben.
Und DDR als Comic ist nicht unbedingt neu, aber der Charme der jungen Spieler läßt das ebenso schnell vergessen wie die deplazierte Frage, ob das Ganze nun innovativ wäre.
Radoys Inszenierung im konsequent auf wenig mehr als ein Mauerstück reduzierten Bühnenbild treibt die Künstlichkeit des Films theatergemäß weiter.
In seiner Textfassung des Brussig-Romans fällt Pointiertheit auf, fast jede Szene endet mit einem kleinen Knaller.
Die schrägen Familienbilder, wo Vater und Mutter mit Schrankwand und Westbesuch ein wunderbar spießiges Ensemble bilden und andererseits die offenen sexuellen  Eskapaden der Tochter mit stets neuen Freunden gleichmütig hinnehmen, charakterisieren  im Grunde zwei DDR-Seiten knapp und treffend – Anpassung und Gelassenheit – und sind die stärksten des amüsanten Abends.

Äußerst sympathisch, wie in der Truppe unterschiedliche Begabungen und Ambitionen letztlich eine Einheit  des Unterschiedlichen, ja der Gegensätze bilden. Starke Talente dürfen zum Zuge kommen, wie Jurist Dr. Norman Rohde sehr komisch als Polizist.
Und vor allem als skurriler Vater, eine in sich gebrochene Figur aus Schlau- und Dummheit, Opportunismus und Ausgebufftheit, die den Darsteller beachtlicherweise nicht verführt, sich in den Mittelpunkt zu spielen.
Oder Christoph Levermann als sympathischer, eher realistisch gezeichneter Michael.
Andererseits fungieren aber auch Mitspieler, die vor allem aus Freude an der Sache mittun, in kleineren Rollen keineswegs nur als Stichwortgeber.
Als Beispiel und ungerecht gegen manch anderen (auch in vielen „Nebenfunktionen“) sei Studentin Anne Lepski genannt, die als über die Mauer blickende und den „Ost-Zoo“ dumm kommentierende Westtussi oder depressiv scheinende Stasi-Nachbarin mit bescheidenen aber deutlichen Mitteln ihre Figuren umreißt.
Ähnliches sah man auch bei den zwischen Band und Bühne hin- und herwechselnden jungen Damen.

Manches war inszenatorisch etwas grob, wie die „Blabla“-Rede der Schuldirektorin (Anika Niebrücke lieferte deren heimliche Träume aber auch als schön bekloppte Verrenkungsszene), erfüllte aber seine Funktion und wird quasi vom jugendlichen Charme übers dünne Eis getragen – wodurch dieser Charme eben auch wieder beweisen konnte, was im engeren Sinne professionelle Schauspieler kaum schaffen könnten.
Manches war dagegen wieder beachtlich detailgenau gespielt, ohne plötzlich unpassend ins psychologische Fach zu wechseln, wie die rhythmisch präzise und dadurch lakonisch-komische erste Begegnung zwischen Michael und der Angebeteten.
Die attraktive Viola Schmidt wurde glaubhafte Projektionsfläche von Michaels Träumen – und blieb dabei als Darstellerin erstaunlich uneitel.

Die Premiere fand vor einem aufgeschlossenen aber „stinknormalem“ Publikum statt, das oft, aber nicht immer klatschte, auf Unterschiedliches unterschiedlich reagierte
- kurz: so unverklemmt und unvoreingenommen, wie man es sich nur wünschen kann.
Daß das Stück nicht absolut jeden erreicht – meine Sitznachbarn gingen in der Pause – spricht keineswegs gegen die Aufführung.
Sie sichert sich eben nicht nach allen Seiten ab – was eh kaum gelingt – und war alles in allem auf herrlich unbekümmerte Weise unkorrekt.
Langer, warmer Applaus nach einem bestens unterhaltenden Abend für die nunmehr ihr zehnjähriges Jubiläum feiernde Truppe.


Peter Waschinsky, Puppenspieler und Regisseur, schreibt regelmäßig für DAS ANDERE THEATER